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Blog von lebenundlaufen

Hier werden privat ausgerichtete Laufveranstaltungen angeboten. Eine aktuelle Ausschreibung ist für den 5. Heidschnucken-Ultra (111 km/20.05.2017) in der Rubrik "Seiten" zu finden. Angesprochen sollen sich alle fühlen, die Freude am Leben und am Laufen haben, denen Gemeinschaft und Spaß über Kilometer und Zeiten gehen.


1. Heidschnucken-Ultra; Laufbericht von Petra Schroeder

Veröffentlicht von Elke und Frank auf 8. Mai 2013, 08:56am

Kategorien: #Heidschnucken-Ultras (Archiv)

 

Petra Schroeder, bloggende Ultra- und Täglichläuferin aus dem hessischen Niddatal hat uns ihren Laufbericht vom 1. Heidschnucken-Ultra zur Verfügung gestellt. Petra hat dazu die Erfahrungen aus diversen Ultraläufen, wie den 100 Meilen Berlin, dem Thüringen- und Zermatt-Ultramarathon, sowie mehreren erfolgreichen Teilnahmen am Rennsteiglauf ihres Vereines GutsMuth RSLV mitgebracht.

Wer mehr von Petra wissen möchte, dem empfehlen wir ihren sehr schönen Blog unter www.runningpetra.com.

 

http://img208.imageshack.us/img208/3526/sdim0245.jpg

Foto: Fritz Schulte/Saterland

 

Und nun zu ihrem Bericht:

 

Von einer die auszog, die "H"´s zu suchen

 

Einen Laufbericht schreiben. Wie oft habe ich das schon gemacht? Ich habe es nicht gezählt. Aber ich glaube, ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr darauf gefreut, die Erlebnisse dieses wunderbaren Laufes von Frank und Elke niederzuschreiben.

Prolog

An der Wasserstelle der Familie Pechtl, an der es neben Wasser auch leckeren warmen Tee und Ferrero Rocher gab, erzählte Monika den beiden, dass sie ihren ersten 100er läuft und stellte mich als erfahrenen Ultraläuferin vor. Ich zuckte ganz schön zusammen, weil ich mich selbst nicht so sehe. Aber nach einigen Überlegungen kam ich doch schon auf eine ganze Reihe gefinishter Läufe und hielt lieber meinen Mund. Aber dass die Erfahrung bisheriger Ultras heute bei weitem nicht ausreichen würde, sollte ich recht bald merken. Um es vorwegzunehmen: Dieser 100er war das Härteste, was ich bisher erlebt habe. Umso größer der Stolz, es geschafft zu haben und nicht aufgegeben zu haben, auch wenn ich mehrmals nur einen Millimeter davorstand…

Samstag Morgen 03:30

Der Wecker klingelt, ich quäle mich aus dem Bett. Die Sachen habe ich am Vorabend schon zurechtgelegt – das spart Zeit. Unsere lieben Gastgeber Mac und Susanne sind schon wach, Rainer ebenfalls. Alles 3 werden heute den Verpflegungsposten an km 34 sein. Wir fahren pünktlich los und ich träume noch ein wenig im Auto vor mich hin.

Als wir bei Elke und Frank ankommen, werden wir ganz herzlich begrüßt. Die anderen Läufer sind auch schon fast alle da. Ich trinke noch einen Kaffee, es den angekündigten „schlapprigen“ Toast und versuche aufmerksam das Briefing zu verfolgen. Jedes Wort von Frank versuche ich, auf der Karte nachzuvollziehen – allerdings verliere ich den Anschlu0 schneller als mir lieb ist. Ich versuche, meine Nervosität zu bekämpfen und hoffe, dass ich mit der Karte trotzdem den Weg finde.

06:06 Der Start

Noch schnell ein Startfoto und mit einer nur 6 minütigen Verspätung geht es los. Frank begleitet uns auf den ersten 3km, hinaus aus Hamburg. Ich laufe mit Laufschnecke Moni, wir lachen quatschen und bremsen uns gegenseitig, um nicht zu schnell zu werden.

Unterwegs – die ersten 50km

Da Moni ein paar Problem mit der Brille hat, hole ich mein Roadbook raus und lese vor, wann wir wo abzubiegen haben. Moni vergleicht die Entfernungsangaben mit ihrer Uhr, so dass wir uns (vorerst) ohne Probleme gut orientieren konnten.

Nach knapp 11km biegen wir auf den Heidschnuckenweg, einem Weitwanderweg in der Lüneburger Heide, ein. Ich legte das Roadbook zur Seite. Von nun an sollte uns das schwarze „H“ den Weg weisen. Hoffte ich jedenfalls.

Wir liefen nun mitten durch den Wald, immer dem H folgend und fanden uns plötzlich einer Kreuzung wieder, an der es kein H zu sehen gab… Was nun? Instinktiv liefen wir nach oben, um da oben zu entscheiden, dass es doch falsch war. Wieder nach unten, dann nach rechts, um dann irgendwann festzustellen, dass wir im Kreis gelaufen waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit fanden wir einen Parkplatz und unweit davon ein „H“. Boa ey, was waren wir froh! Nun mussten wir nur noch entscheiden, in welche Richtung wir gehen sollten – was uns aber dank einiger Diskussion, gewissenhaften Abwägens und unserer nicht ganz blonden Haarfarbe gelang J

Kurz darauf sahen wir die Reste der Wegmarkierungssägespäne und hatten einen wunderbaren Blick auf den Fernsehturm, den Frank in seinem Briefing erwähnt hatte. (zumindest Moni konnte sich daran erinnern)

Es ging weiter – nun auf dem richtigen Weg und wir wurden immer professioneller beim Erkennen und Ausfindigmachen der schwarzen „H“s. An der ersten Verpflegungsstelle wurden wir liebevoll versorgt. Auch Frank (wie immer mit Fotoapparat) und Elke waren da. Noch waren wir – trotz der paar Extrakilometer gut drauf.

Wir liefen weiter durch eine wundervolle, abwechslungsreiche Landschaft, die man sich eigentlich nicht schöner vorstellen kann. Der Wald hatte noch etwa „Novemberhaftes“, ab auch hier regte sich das erste Grün. Man brauchte nur etwas Phantasie, um sich das Sommerkleid des Waldes vorstellen zu können.

An der nächsten Wasserstelle trafen wir zwar keinen Menschen, aber das Wasser muss dort extra für uns hingestellt worden sein: Das Wasser für die Sieger!

Kurze Zeit später bekamen wir einen motivierenden Anruf von Ramona. Es war schön, dass sie an uns gedacht hat!

Nun ging es durch Buchholz und ohne Verzögerung fanden wir die Bahnhofsbrücke. Und nein – wir nahmen nicht den Fahrstuhl, sondern sind die Treppen hinaufGELAUFEN!

Leider bekam Moni an dieser Stelle Probleme mit dem Knie und es lief nicht mehr so, wie sie sich es vorgestellt hatte. Aber an der Wasserstelle des netten Ehepaares Pechtl bekam sie ein Salbe für`s Knie, die offenbar gut geholfen hat, wie sich später herausstellen sollte.

Trotzdem beschlossen wir beide, uns zu trennen und jeder wollte in seinem eigenen Wohlfühltempo weiter laufen. Wir hatten beide gemeinsam gelernt, die H´s zu entdecken – also was sollte schiefgehen?

Die nächsten 6km bis zum 2. Verpflegungspunkt waren wohl die längsten 6km meines Lebens. Und auch ein bisschen die Schönsten. Es ging durch ein wunderschönes Waldgebiet, wiederum gespickt mit ein paar Hürden namens „schwarzes H“, aber letztendlich trat ich doch hinaus und mich erwartete eine Heidelandschaft, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich stellte mir vor, wie schön es hier aussehen müsste, wenn die Heide blüht… Irgendwann möchte ich das mal sehen. Oben auf dem Berg angelangt, sah ich weit und breit noch nichts von einem VP. Ich lief hinab, war mir unsicher, wieder hinauf bis zum H, ungläubig schauend, bis Moni kam und wir dann gemeinsam feststellten, dass ich vorher richtig gelaufen war. Ich lief immer schneller, obwohl mir klar war, dass ich die verlorene Zeit eh nicht aufholen kann. Zwischenzeitlich dachte ich sogar, daß ich nicht mal pünktlich an der Wendestelle sein würde und ich bekam panische Angst vorm Rückweg. Nachts allein im Wald – das ist so gar nicht mein Ding…

Ich stärkte mich bei Marc und Susanne am 2.VP und machte mich auf die letzten 16km bis zum Wendepunkt. In Gedanken malte ich mir aus, wie ich einen lecker Cappuccino trank und einen großen Topf Nudeln aß… Man muss sich schließlich motivieren und außerdem hat man auf so einer langen Strecke viel Zeit…

Und wie das so ist, wenn ich beim Laufen nachdenke, komme ich ins Träumen und wenn ich träume, werde ich unaufmerksam und wenn ich unaufmerksam werde, sehe ich keine schwarzen „H“s mehr… Und so kam es, dass ich an der nächsten Wasserstelle geradeauslief und eigentlich hätte rechts abbiegen müssen… Nach etwa 500m drehte ich doch lieber um und fand dann auch das Schild und somit die richtige Richtung…

Jetzt lief es wieder richtig gut und es kam ein landschaftlich reizvolles Gebiet. Hier habe ich jeden Meter genossen und „H“ für „H“ in mir aufgesogen. Bald kamen mir auch schon die ersten Läufer entgegen. Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute und jeder lief in seiner Richtung weiter. Auf den letzten Kilometern mußte ich ganz schön kämpfen, es „meterte“ nicht mehr so richtig.

Um ehrlich zu sein, ich war echt froh, als ich endlich das Gasthaus entdeckte mit den vielen netten Leuten davor, die auf mich gewartet haben! Was für eine klasse Idee von Frank! Das Essen war super, ich konnte mir frische Sachen anziehen und ein alkoholfreies Hefeweizen gab es auch. Zum krönenden Abschluss gab es noch einen leckeren Cappuccino, den ich mir so gewünscht hatte, und 35 Minuten später machte ich mich auf den Rückweg.

 

Da habe ich nun also ordentlich gegessen und getrunken, bin frisch umgezogen. Der Rückweg kann beginnen. Auch Moni war inzwischen eingetroffen. Es war schön zu hören, dass ihr Knie hält und die Schmerzen verschwunden waren.
14:53 mache ich mich auf den Rückweg, 7 Minuten vor der cut-off Zeit. 10 Stunden Zeit für den Rückweg. Klingt ziemlich viel….

Min Hefeweizen scheint zu wirken. Hefeweizen ist isotonisch. Und isotonische Getränke sind sind ja bekanntermaßen leistungs- und regenerationsfördernd. Allerdings ohne Alkohol.
Die Wirkung eines Hefeweizens spürte ich erstmalig beim Mauerweglauf 2011, als mir das erstmalig während eines Laufes angeboten wurde. Danach konnte ich rennen wie ein junges Reh… Auch diesmal setzte die Wirkung ein. Es lief wieder gut, frisch erholt konnte ich die nächsten Kilometer ohne Gehpause laufen. Trotzdem war schon jetzt klar, dass ich in die Dunkelheit hineinlaufen würde. Aber noch war es weit bis dahin. Ich rechnete mir aus, dass ich 40km im Hellen schaffen könnte und den Rest dann per Roadbook. Den Heidschnuckenweg jedenfalls wollte ich hinter mir gelassen haben.
Da meine Uhr streikt, muss ich mich völlig auf meine Erinnerung verlassen. Was kam wo? Wann bin ich wo abgebogen? Wo muß das „H“ sein?
Bis zum Hotel Krone in Handeloh läuft alles super, kein Verlaufen, alles ist o.k.. Ich überquere de Bahngleise. Irgendwo nach ein paar hundert Metern muß ich nach rechts abbiegen. Aber kein „H“ zu sehen… Auf meine Frage an einen Anwohner bekam ich nur einen erstaunten Blick. Er wohnt hier und kennt den Heidschnuckenweg nicht?
Wie von Frank empfohlen, laufe ich zurück und finde den Weg. Nun ging es über einen herrlichen Pfad weiter. Hier konnte man sich wenigstens nicht verlaufen…
Die Beine werden nun deutlich schwerer. Der Boden ist schwer zu belaufen. Es wechseln sich sandige Passagen, mit Wurzelpfaden, matschigen und trockenen Strecken ab. Bergauf gehe ich nun. Ich will Kräfte sparen. Noch ist der Weg sehr weit.

Bald musste die erste Verpflegungsstelle von Susanne, Marc und Rainer kommen. Aber es ziiiieht sich… Mein Telefon klingelt. Rainer will wissen wo ich bin. Irgendwo im Wald. Ob ich die Straße sehe? Fehlanzeige. Autos? Höre ich auch nicht….
Bin ich vorbeigelaufen? Aber ich habe doch kürzlich erst ein „H“ gesehen… Hier das nächste! Ich atme hörbar auf. Wenige Minuten später höre ich Autos. Die Straße! Dann sehe ich das Verpflegungsauto. Marc und Rainer versorgen mich: mit Heftpflaster, neuen Batterien (danke, Marc!) einer frisch aufgefüllten Trink-Flasche und in paar kleinen Snacks. Erstaunlicherweise kann ich schon wieder was essen, wenn auch nicht viel.
Ich wechsle nochmal das verschwitzte Shirt und fühle mich gleich wohler. Auch die Schuhe wechsle ich. Meine Lieblingsschuhe habe ich zu Hause vergessen. Nun muss ich ein paar neue Schuhe anziehen, die nicht so richtig eingelaufen sind. Ein Risiko, aber ich habe ein gutes Gefühl.
Noch etwa 34km. Ein Drittel noch – wenn man die Originalstrecke zu Grunde legt. Es ist 17:30 als ich Susanne, Marc und Rainer verlasse. Sie warten noch auf Moni, dann können sie zum Ziel fahren und im warmen Wohnzimmer von Elke und Frank auf uns warten.

Ich teile mir die nächste Etappe bis zur nächsten Verpflegung in mehrere Abschnitte ein, jedenfalls gedanklich. Der nächste Punkt wird die nette Familie Pechtl sein, die extra wegen uns eine kleine Heidschnucke vor ihr Haus gestellt haben. Leider die einzige Heidschnucke, die wir zu Gesicht bekommen haben…


Ich laufe wieder hinauf auf den wunderschönen Heidehügel. Jetzt weiß ich, wo es lang geht. Noch besser geht es auf der anderen Seite wieder runter. Ich kann es laufen lassen. Während ich mich so treiben lasse, bin ich einen Moment unaufmerksam und stolpere über eine Wurzel. Ich kann nicht mehr stoppen und falle auf die linke Seite, heute schon zum 2. Mal. Ich bleibe einen Moment sitzen, sortiere mich und meine Knochen. Es schein alles so halbwegs heil zu sein. Später stellt sich heraus, dass es bei einem großen blauen Fleck am Oberschenkel und einem schmerzenden Oberarm geblieben ist. Alles ist gut, denke ich, stehe auf und laufe weiter.

Gleich muss ich scharf links hoch und dann rechts. So hab ich es in Erinnerung.
Hier ist das „H“ das nach links weist. Nun müßte ich nach rechts laufen, aber das „H“ weist nach links. Stop – hier ist noch ein „H“ – das führt gerade aus… Was nun? Ich bin ziemlich ratlos, ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn ich nach links laufe, laufe ich in die Richtung, aus der ich gekommen bin… Scheint nicht richtig zu sein. Ich probiere die Strecke gerade aus, aber da kommt kein „Bestätigungs- H“. Also wieder zurück und nach links. Da kommt gar nichts mehr…

Weiter unten auf dem Parallelweg sehe ich einen Biker. Ich rufen ihn und bitte um Hilfe, da mir mittlerweile zum Heulen zumute war. Er begleitet mich ein Stück zurück und erklärt mir, dass ich über den Berg muss – also wäre die Geradeausstrecke die richtig gewesen. Ich suche nun diesen Weg und laufe über den Berg – und irgendwann kommt auch wieder ein „H“. Ich beruhige mich und kann nun auch wieder laufen. #

Die auf dem road book eingezeichnete Bahnstrecke müsste eigentlich auf der anderen Seite sein… Ich fragte sicherheitshalber einen anderen Biker, ob das der Weg nach Buchholz sei. Er war es.

Es ging wieder leichter. Bald bin ich auch wieder bei Familie Pechtl. Sie wollen beim nächsten Mal die Strecke vorher abfahren und Luftballons aufhängen. Gute Idee, das muss ich gleich Frank im Ziel erzählen. Aber bis dahin ist es noch weit. Ich habe 1½ Stunden für 6km gebraucht. Bloß nicht hochrechnen!

Ich überquerte die Bahnhofsbrücke. Ohne Fahrstuhl, ich laufe die Treppen. Das ist Ehrensache. Ich komme vorbei an der Stelle, an der uns heute früh Ramona angerufen hat. Mein Handy piepst wieder. Eine SMS von Elke, die an mich denkt und mir noch viel Glück wünscht. Das kann ich gebrauchen.

Die Dunkelheit naht und mit ihr eine lange, schwierige Waldstrecke. Ich fühle Panik in mir aufsteigen. Ich überlege, ob ich die Sache abbrechen soll, noch bis zur nächsten Verpflegungsstelle laufen und dann ins Auto steigen soll. Es geht mir grade ziemlich schlecht, als das Handy wieder klingelt. Es ist Marianne. Wie freue ich mich über diesen Anruf! Es passiert mir selten, aber ich lasse all meinen Frust und meine Panik bei Marianne ab… Aber ich bin so froh in diesem Moment, mit jemanden reden zu können. Ich fühle mich ziemlich allein.
Marianne erzählt mir, dass sich Moni nochmal heftigst verlaufen hat. Ich bedaure, dass wir uns getrennt haben. Wir hätten zusammen bleiben sollen, dann wäre es vielleicht nicht soooo schwer geworden. Für beide nicht.

Wieder kommt so eine unklare Stelle. An der Autobahn. Auf der Karte sieht es nicht so aus, dass ich drüber muss. Aber laut meiner Erinnerung muss ich sie überqueren… Ich laufe drüber, wieder zurück, finde jemand, den ich fragen kann, überquere die Brücke erneut, biege nach rechts. Meine Unsicherheit wächst ins Unermessliche. Bis ich das nächste „H“ sehe.

Die Sonne wird sich bald verabschieden. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Der Wald ist schon recht grau. Ich komm zur letzten Verpflegungsstelle. Fritz macht mir ein Toast. Ich trinke Karamalz, hole die Stirnlampe raus, schalte sie aber noch nicht ein. Ich schnappe mir mein Toast und esse im Weitergehen. Ängstlich schaue ich nach jedem „H“. Ein weiteres Verlaufen wäre der „worst case“.


Noch einmal laufe ich entlang eines Feldes. Die Sonne steht ganz tief. Auf der Wiese beäugen mich ein paar Rehe. Sie haben keine Angst vor mir und ich beschließe, auch keine Angst vor ihnen zu haben. Ich denke nicht mehr ans Aufhören, auch wenn mir nicht wohl dabei ist.
Nun geht es hinein in den Wald und es ist dunkel. Ich schalte die Lampe ein. Es knackt im Gebüsch. Ich schalte mein Musikhandy ein und stöpsel mir die Musik in die Ohren. Es läuft das Rennsteiglied, und einige andere meiner Lieblingslieder, Das macht den Weg erträglicher.

Ich gehe jetzt nur noch. Der Radius der Lampe lässt mir keine Wahl. Entweder ich leuchte nach oben, um die „H“s zu finden, oder nach unten, um den Weg auszuleuchten. Ich entscheide mich für die „H“s, die sind wichtiger fürs „Überleben“ des Laufes. Mittlerweile ist mir völlig wurscht, wie viel Zeit ich noch brauche. Ich wollte nur ins Ziel kommen. Ich komme an die Stelle, an der wir uns heute morgen so heftig verlaufen hatten. Komischerweise komme ich da jetzt gut durch. Ich gehe langsam, H für H. Immer wieder froh, eins zu sehen. Irgendwann ist Schluss, ich sehe kein H mehr. Dafür lässt etwas Anderes mein Herz höher schlagen. Ich sehe die Lichter vorbeifahrender Autos. Ich bin am Ende des Heidschnuckenweges – ich bin wieder in der Zivilisation!

In diesem Moment klingelt mein Handy. Es ist Marianne, die sich Sorgen macht. Ich freue mich riesig über den Anruf. Ich bin raus aus dem Wald! Ich sage ihr, dass es mir nun wieder besser geht. Nun ziehe ich den Rest auch noch durch.
Ich hole mein Roadbook raus und stelle nach einem Kilometer fest, dass ich wieder rein muss in den Wald. Aber nun ist der Weg breiter und an den Kreuzungen sehe ich die Markierung von Frank und Fritz. Ich kann sogar mal wieder ein paar Meter laufen. Als ich dann wieder in „belebterer“ Gebiete komme und an Straßen entlang laufe, schalte ich das Handy aus und laufe von Kreuzung zu Kreuzung, immer wieder das Roadbook checkend.
Es ist mühsam, aber Verlaufen wäre schlimmer.

Etwa 5km vorm Ziel ruft mich Frank an. Ich glaub er war ganz froh, als er erfuhr, dass ich noch (oder besser gesagt wieder) auf dem rechten Weg war. Er setzte sich aufs Rad und kam mir entgegen. Das war die größte Freude, die er mir in diesem Moment machen konnte! Als er auf mich zukam, fiel mir eine Last von den Schultern. Ich schaltete mein Gehirn aus und folgte seinem Rad. Es war kurz nach Mitternacht. Einem Täglich-Läufer fällt dabei zuerst der Streak ein. Also beschloss ich, diesen jetzt zu laufen. Und das ging ohne Probleme, zu meinem Glück ging es nur bergab.

Nun waren es nur noch 200 Meter. Ich laufe diese hinauf und sehe das Ziel. Alle, die noch da sind, stehen draußen und haben Wunderkerzen an. Ich habe Gänsehaut und laufe glücklich ins Ziel. Ich bin da! Ich habe es geschafft!
Ich genieße die Dusche, das leckere Essen, das Zusammensein mit den anderen. Ich bin angekommen!!!!!!!!! Und bekam noch ein tolle Ostseesteinchens, die Medaille sozusagen....



Vielen, vielen Dank, liebe Elke und lieber Frank für diesen Lauf, der mir so viel abverlangt hat und der mich mental hat wachsen lassen. Und ich habe meine Angst überwunden. Ich fühle mich stärker als vorher.
Nun weiß ich, dass mich so schnell nichts mehr umhauen kann. Und einen ganz lieben Dank an die liebevolle Betreuung an den Verpflegungsstellen. Es war einfach ein supertolles Erlebnis!

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Dennis 05/08/2013 12:25

Hallo Petra,

das ist wirklich ein schöner Laufbericht den ich - auch wenn ich nur die Hälfte gelaufen bin sehr gut teilen kann.
Das Problem mit den "H´s" scheint auf dem Hinweg größer als auf dem Rückweg gewesen zu sein. Ich habe mich erst ohne "H´s" verlaufen, weil ich den Weg in den Weg zurück in den Wald überlaufen habe.
Diese Stelle soll ja im nächsten Jahr entschärft werden und dürfte etwa dem Weg entsprechen den ich fälschlicherweise gelaufen bin.

Jedenfalls einen Glückwunsch zu Deiner Leistung!

Liebe Grüße aus Hamburg
dennis

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