Ein Tag.
Vierundzwanzig Stunden.
Eintausendvierhundertundvierzig Minuten.
Sechsundachtzigtausendundvierhundert Sekunden.
Je feiner man, und auch frau, hinschaut, umso mehr Details eröffnen sich innerhalb des Komplexen.
Aus der Distanz gewinnt die Übersicht.
Wortspielereien. Syntax und Semantik.
Was ist es, das uns die Zeit, als solche exakt erfass-, weil messbar, primär und sekundär in veränderlichen, variablen ( vor meinem inneren Auge befindet sich ein Metronom ) Metren wahrnehmen lässt?
Möchte der eigene Kairos den Chronos als solchen in Qualität und Quantität beeinflussen? Wie häufig höre ich, dass Jemand "das Tempo rausnimmt", "sich dem Tempo eines Anderen anpasst", das "eigene Tempo" präferiert usw.
Nun denn. Jeder einzelne Tag im Gesamtgefüge des Jahres beeinhaltet endlose Möglichkeiten.
Vierundzwanzig Stunden.
VierundzwanzigStundenLauf.
Eine leichtathletische Herausforderung.
Ein Tun, das den meisten Menschen befremdend entgegentritt. Ja, unvorstellbar ist.
Doch auch das Un-Vor-Stellbare nimmt Gestalt an, wird sichtbar, erlebbar, spürbar.
Schrittweise.
Rundenweise.
Wer tut so etwas?
Welche Menschen stellen sich einer solchen Aufgabe?
Was ist normal?
Was macht das mit mir und warum?
Schwuppdiwupp, da sind sie wieder. Diese Fragen. Fragen mit Antworten in Variationen.
Beim Burginsellauf in Delmenhorst stelle ich mich zum vierten Mal dieser Herausforderung.
Frank, voll zugewandter Aufmerksamkeit, geht auf meinen Wunsch, bereits am Vortag der Veranstaltung anzureisen, ein.
So können wir alles ruhig, gelassen und gemütlich angehen lassen.
Auch das Streakerhaltungsläufle. Das absolviere ich alleine ( Frank begann den Elkli-Verwöhntag bereits mit der "Bäckerrunde" für den 89. Tag und Marc - ebenso angereist - ist auch schon morgens zu seiner 1.989 Streakrunde aufgebrochen ) und - ich bin schon versucht zu sagen "Wie üblich" auf der tags darauf und bereits abgesperrten, sprich verläufersicheren, zu erkreiselnden Strecke. Der Plan ist simpel: Zwei mal die Runde abhoppeln. Die Durchführung...... Der Zeit nach ist´s noch im einstelligen Distanzbereich. Und ja, es gibt auch schöne Ecken in Delmenhorst abseits der herrlich gewählten VierundzwanzigStundenArena.

Zwölf Uhr Mittags.
Das Geschehen nimmt seinen Verlauf. Und laufend sind 87 Staffeln nebst 100 Einzelläufern unterwegs. Jeder bringt sich selbst mit. Fähigkeiten. Fertigkeiten. Benannte und unbekannte Ziele. Jeder möchte seine Stärken in die Schritte fließen lassen, über innere Mauern springen. Im Chor der vielen Beine, der unterschiedlichen Tempi, der variierenden Tonarten.
Einfach laufen.
Wenn das mal so einfach wäre in diesem wild dahineilenden Getümmel. Staffelläufer schaffen sich akustisch und muskulär Platz. Nun, auch diese werden ruhiger werden...
Zwei Runden erschwebt, die Kür beginnt.
Etwa nach einer Stunde legen meine Beine diarrhoegesteuerte Exkurse ein. Langweilig. It´s a long, long way to T.... Pause. HInlegen. Meditieren. Der Bauch beruhigt sich. Ich auch.
Wieder auf die Piste. Letzte in der Gesamtwertung. Nicht zu verwundern.
Weiterhoppeln. Ein Schwätzle hier, ein Schwätzle da.
Von Frank überrundet werden. Emodoping. Ist von den NADA und den anwesenden Kampfrichtern nicht untersagt.
Monika wird von denselben auf den Stuhl verbannt und ermutigt mit ihrem strahlenden Lächeln und der Ratsche aus der Krachmacherstraße.
Essen. Stärken. Lecker!
Laufen. Schwere, schwüle Luft. Also langsam laufen. Laben. Mineralienverlust vorbeugen. Exkurse in bald jeder zweiten Runde. Also: Ab in die Ecke mit mir. In die Chillecke. Ins Zelt. Ruhen. Immer wieder gehen kleine Schauer aufs Zelt, erfrischen die Laufenden, Walkenden.
Aufstehen. Walken und traben im Wechsel. Ganz sparsam sind die Bewegungen.
Warten auf Mitternacht. Treffen an unserem Tisch. Streakerhaltungsrunden mit Frank, die anderen sind nicht da. Wir laufen still unterm Sternenhimmel dahin, reden wenig. Genießen die gemeinsamen Schritte, bis....
Also, das bedarf keiner erneuten Wiederholung, jedoch einer erneuten Schlafsackpause. Morgens geht es mir besser.
Ich staune, wie weit Heike, Olaf und Frank gekommen sind. Klasse!
Langsam, ganz langsam sind meine Schritte. Gehen. Traben. Ja! Yibbieh! Es läuft wieder. Der Bauch fügt sich, muckt noch bißle auf, gibt endlich! Ruhe.
Nach dreiundzwanzig Stunden, ein winziges Stündle vor dem Schlusssignal erlaufe ich die hundert Kilometer.
Frank beendet sein Laufen, sein Gehen. Hat jedoch noch einen Blick auf die Anzeigetafel geworfen und stellt fest, dass lediglich eine halbe Runde mich von der nächsten Frau trennen.
Eine halbe Runde ist viel, wenn frau dauernd von der Strecke muss. Und wie gesagt, der Weg ist lang nach Herzhausen.
Doch irgendetwas in mir klickt. Sch.... drauf ( Syntax und Semantik ).
Und siehe da!
Es läuft und läuft und läuft.
Von Runde zu Runde.
Aufholend.
Überholend.
Lächelnd.
Breit grinsend.
Eine neue innere Zeitmessung beginnt.
Ich habe mich mit meinem Bauch ausgesöhnt.
Staunend nehme ich später wahr, dass ich mich auf den 51. Gesamtplatz vorgekämpft habe. Enttäuscht nehme ich wahr, dass ich mein Potenzial, insbesondere das Mentale, nicht voll ausgeschöpft habe.
Vierundzwanzig Stunden.
Welchen Raum nehmen sie ein im Gefüge der Tage?
Welche Erkenntnisse erhellen das Herz?