Es gibt sie, diese liebevoll organisierten und gestalteten Läufe abseits der „Großen und Berühmten, bei denen man dabei-sein-muss“. Ein solcher Lauf wird vom 100MC mehrmals im Jahr, mit wenigen begeisterten Läufern in den Anfangsjahren, veranstaltet. Mittlerweile sind Teilnehmerzahlen von über 100 Läufern nimmer selten.
Der Öjendorfer Park in Hamburg bietet eine herrliche Kulisse. Vogelschutzgebiet, Erholungslandschaft mit Grillplätzen, Minigolf, Hundwiese, große Wiesenabschnitte, ein See mit verschiedenen Wegen laden zum Verweilen ein. Sommers wie winters attraktiv.
Es gibt sie, diese in Syntax und Semantik stimmigen Läufe. Der Schnee- und Eismarathon macht seinem Namen alle Ehre.
Bei etwas windigen -6°C starte ich mit großem und gefülltem Rucksack von zuhause aus. Heute setze ich mich – entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, nämlich laufend - bequem in den Bus nach Harburg. Schließlich möchte ich mit ausgeruhten Beinen marathonisieren.
Mit inzwischen sicherem Umsteigen gelange ich nach Tonndorf. Hier bin ich mit Christine verabredet, welche heute ihren 400. Marathon erlaufen wird. Auf die Sekunde zeitgleich treffen wir ein und nach herzlicher Begrüßung fahren wir, munter schwatzend, weiter zum Ort des Geschehens.
Es gibt sie, diese persönlich gestalteten Veranstaltungen, bei welchen Jeder mit Handschlag oder / und Umärmerli begrüßt und willkommen geheißen wird. Die Gespräche wenden sich nicht den mir so verleideten Themen wie zB Bestzeitenhatz, der so beliebten Koketterie mit ach- ich-bin- so- unfit und- indisponiert- heute, zu. Die Person als solch steht jeweils im Focus. Wie geht es dir? Was hast du in den letzten Tagen erlebt? Du bist erstmals hier? Sei ganz willkommen! Auch die Frage, welche Schuhe heute an den Füßen, griffbereit im Rucksack sind, wird diskutiert.
Die üblichen Startvorbereitungen geschehen ruhig, gelassen. Eine gute, positive Atmosphäre. Die
Helfer sind sicht-und spürbar aufeinander eingestellt. Jeder Handgriff sitzt.
Die Schar der Frühstarter ist überschaubar. Ein kurzes Briefing nimmt auch Erststartern jegliche Unsicherheit. Für die Marathondistanz ist der See elfmal zu umlaufen, ein kurzes Auftakt-Wende-Stück garantiert, dass es auch wirklich diese Distanz in den Beinen beim Zieleinlauf sein wird. Aufgrund der wirklich frischen Witterung wird verkürzt, von Fünf auf Null gemeinsam zum Start runter gezählt. Erika läuft mit einer Pylone als Wendemarkierung voran und schickt mit einem Lächeln alle auf die weitere Runde.
Vom ersten Schritt an läuft es mich entspannt dahin. Gemütlich, heiteren Sinnes. Der Wind streichelt die Waden. Meine Entscheidung für die griffigen Salomons an den Füßen, die Acceleritas und die spike- und gamaschenbewehrten Fly´s griffbereit im Rucksack sollte sich als perfekt herausstellen. Im Bauchtäschle ist die Kamera griffbereit. Doch lediglich in der ersten Runde mache ich im Laufschritt einige wenige Aufnahmen.
Die vereisten Wegstücke verlangen Konzentration und Trittsicherheit, stellen aber keine besonders hohe Herausforderung dar. Die Wegstrecke ist mit Sägemehlpfeilen und ebensolchen Querlinien deutlich und absolut verläufersicher – sogar für Genialisten wie mich -.
Ich genieße. Die winterliche Landschaft. Die klare, frische Luft. Die Ruhe.
Es läuft mich. Leicht. Fließend. Geschmeidig. Gemütlich.
Runde 1 ist beendet, ich hoppel mich warm.
Die Ärmel vom Hemdle sind hochgezogen. Die Mütze bleibt, wie immer, auf dem Kopf. Wenn dieser warm ist, ist alles andere auch warm.
An der üppig bestückten Labestelle halte ich mich heute jeweils nur ganz kurz auf. Jede zweite Runde ein paar Schlückle vom viel zu rasch ausgekühlten Tee.
Ein kleines und arg nettes Schwätzle mit Christine und Frauke, ebenso für den FC St Pauli startend. Die Paulianer sind heute lediglich von Frauen vertreten. Schade, ich hätte mich auch gefreut Frank Berka nach langer Zeit wieder zu treffen.
Runde um Runde läuft es prima. Nach Runde 5 wage ich einen Blick auf die Uhr neben dem Rundenzähler. Unglaublich. So kann´s weiterlaufen! Und dies tut es. Leicht dahinschwebend.
Mehrmals werde ich mit positiven Bemerkungen auf meinen Laufstil angesprochen. Läuft glatt runter wie Öl! Offensichtlich finde ich nach den sturzbedingten Störungen der Bewegungsabläufe wieder zurück ins von Bertram geprägtem „Elkli-Schweb-Fliegen“.
Ich denke an Frank und welche Freude ihm dies bereiten würde.
Runde 9. Holla, die Waldfee! Ich befinde mich auf Rekordkurs sub 5h. Deutlich! Gänzlich ohne Anstrengung. Es wird immer leichter.
Mitten im Ausatmen. Ohne die allergeringste Vorankündigung. Asthmatisieren von der allerfeinsten Sorte. Ruhe bewahren. Das Not-Wendige tun. Pausieren. Vorsichtige Gehschritte. Ein weiteres Mal die hilfreiche Pharmaindustrie bemühen. Ruhig bleiben. Meditieren. Visualisieren.
Nach einer Weile geht es wieder. Antraben. Spüren. Prüfen. Ok, es läuft wieder. Nimmer ganz so leicht, aber es läuft.
Plötzlich und unerwartet kreuzt ein freispringender Hund direkt vor meinen Füßen den Weg. Ausgerechnet auf einem GlatteisundSchneestück! Ich muss ruckartig ausweichen, sonst wäre ich womöglich noch über die Töle gefallen. Das übliche, nervende „Der- macht-nixx“ der elegant gekleideten Besitzerin. Ich winke nur wortlos ab, da es mir messerscharf in den M. Bizeps femoris fährt. Da bleibt mir die Luft erneut weg. Vor Schmerz.
Nun ja. Was tun? Sachte die Muskulatur befühlen, erspüren. Behutsam und zart ausstreichen. Vorsichtig bewegen. Gleich sind aufmerksame Mitläufer zur Stelle. Wird´s gehen?
Eine Entscheidung ist zu treffen. Geht es weiter? Steige ich aus? Ich prüfe gewissenhaft physische und psychische Befindlichkeit.
Ja, es geht weiter. Langsam. Mit Gehpausen. Mit Stehenbleiben. Mit Traben.
Tja. Es ist wie es ist. Annehmen. Mit den veränderten Gegebenheiten in bestmöglicher Weise umgehen. Das sind sie. Diese kleinen Situationen, welche wirkliche innere Stärke und Gelassenheit erfordern. Ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach kommt mir in den Sinn: „Für das Können gibt es nur einen Beweis. Das Tun.“
Immer wieder und immer wieder neu gilt es, in den verschiedenen Ebenen des Lebens, eine Balance zu entwickeln. Feiner werdendes Einschätzen persönlicher und situativer Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen.
„Zieleinlauf Marathon, Elke!“, wird mir zugerufen und ich verlasse die Strecke, um abgescannt zu werden.
Kann man mal sehen, was möglich ist, wenn sich massive Unmöglichkeiten in den Weg stellen.
Obwohl ich komplette Wechselwäsche im Rucksack bereithalte, will ich es bei dieser Kälte nicht wagen mich auszuziehen, die Lungen mit Kälte zu erschrecken und ziehe mir den dicken Anorak über.
Mit Michael laufe ich zur nächsten Busstation, vorher versorgen wir uns noch mit einem leckeren Stück Kuchen als Wegzehrung. Auch er ist heute über sich selbst hinausgewachsen und hat erstmals in seiner recht langen Läuferkarriere mutig einen Winterlauf unter die Füße genommen.
Kaum stehen wir an der Bushalte, kommt schon der Bus. Abschied an der U-Bahn-Station. Diese ist rappeldickevoll. Als wär es heute noch nicht genug an Unbillen tritt mir ein Breitriese noch auf den Fuß. Gefühltes Gewicht: eine Tonne. Mindestens.
Daheim empfängt mich strahlend und feschd umarmend Frank.
Das Badewasser ist schon fürsorglich heiß und als ich aus der Wanne steige, duftet es leckerlich durchs Haus. Entspannt lege ich auf dem Sofa die Beine hoch und wir erzählen uns gegenseitig vom bisherigen Tag.